Kohortenstudievom Tayebat-Archiv zitiertVolltext geprüft A-BAR-16 Tiefenprüfung

Schwedische Kohorten: mehr Selbstverletzung nach der Operation

Risk of suicide and non-fatal self-harm after bariatric surgery: results from two matched cohort studies.

Kurzüberblick

Neovius M et al.. Lancet Diabetes Endocrinol 2018 · PMID 29329975 · DOI 10.1016/S2213-8587(17)30437-0

Selbstverletzung und Suizid waren nach der Operation häufiger, aber die absoluten Risiken waren gering.

Unterstützt die Studie die konkrete Behauptung? Ja · Methodische Qualität: moderat

Originalpublikation

Verständliche Zusammenfassung

Studie einfach erklärt
Was wollten die Forschenden herausfinden?

Selbstverletzung

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Gematchte Kohorten

Wie viele Menschen, Tiere oder Proben wurden untersucht?

>40.000

Was wurde tatsächlich festgestellt?

Höheres Risiko

Wie groß war der beobachtete Effekt?

aHR 1,78-3,16

Was bedeuten die Ergebnisse im Alltag?

Psychische Nachsorge ist nötig

Welche Einschränkungen hat die Studie?

Beobachtungsstudie; wenige Suizide; Selbstselektion; kein Schlauchmagen

Was sagt sie über Elawadys konkrete Behauptung aus?

Stützt das Risiko; die Autoren lehnen ein generelles Abraten ab

Gelten die Ergebnisse auch für Deutschland und Europa?

Europäisch

Was lässt sich aus dieser Studie ausdrücklich nicht schließen?

Den Mechanismus; dass die Operation insgesamt das Leben verkürzt; das Risiko nach Schlauchmagen

Wissenschaftliche Detailprüfung

1. Vollständige Quellenangabe

Autorinnen und Autoren
Neovius M, Bruze G, Jacobson P, Sjöholm K, Johansson K, Granath F, Sundström J, Näslund I, Marcus C, Ottosson J, Peltonen M, Carlsson LMS
Fachzeitschrift
Lancet Diabetes Endocrinol
Jahr
2018
Identifikator
PMID 29329975 DOI 10.1016/S2213-8587(17)30437-0 · PMC5932484
Verifizierung
verifiziert – PubMed E-utilities efetch, 2026-10-25
Zurückgezogen
nein
Korrekturen
keine
Geprüfter Umfang
Volltext
Interessenkonflikte und Finanzierung

NIDDK R01DK105948; Schwedischer Forschungsrat; Sahlgrenska ALF; Diabetesfonden. Die Geldgeber hatten keine Rolle. Drei Autorinnen und Autoren erhielten Beratungshonorare vom wissenschaftlichen Beirat von Itrim; eine Person erhielt Vortragshonorare von J&J, AstraZeneca, MSD; zwei sind ehemalige/aktuelle Leitungen des SOReg.

2. Forschungsfrage

Suizid und nicht tödliche Selbstverletzung nach Adipositaschirurgie vs. nicht operativer Behandlung

3. Studiendesign und Population

Studiendesign
Kohortenstudie – Zwei gematchte Kohortenstudien: SOS (prospektive nicht randomisierte kontrollierte Interventionsstudie, sequenzielle Behandlungszuteilung mit Matching nach 18 Variablen; NCT01479452) und SOReg/Itrim (landesweite Registerverknüpfung, Coarsened Exact Matching); Endpunkte aus nationalen Registern
Population

Schwedische Erwachsene mit Adipositas, die abnehmen wollten. SOS: Alter 37–60, BMI >=34 (Männer)/>=38 (Frauen), ohne Drogen-/Alkoholmissbrauch und psychiatrische Kontraindikationen. SOReg/Itrim: Alter >=18, BMI 30–49,9

Land

Schweden

Zeitraum

SOS-Rekrutierung 1987–2001, Nachbeobachtung bis 31. Dez. 2013 (Median 18 Jahre); SOReg-Operationen 2007–2012 und Itrim 2006–2013, Nachbeobachtung bis 31. Dez. 2014 (Median 3,9 Jahre)

Stichprobengröße

SOS: 2010 Operierte (1369 VBG, 376 Magenband, 265 Magenbypass) gegenüber 2037 Kontrollpersonen mit üblicher Versorgung. SOReg/Itrim: 20.256 Magenbypass gegenüber 16.162 intensives Lebensstilprogramm (gematcht aus 26.388 bzw. 18.365 Geeigneten)

Ein- und Ausschlusskriterien

SOS: identische Kriterien für beide Gruppen (siehe Population); Ausschlüsse u. a. frühere Adipositas-/Ulkusoperation, kürzlicher Herzinfarkt, bösartige Erkrankung, Bulimie, Drogen-/Alkoholmissbrauch. SOReg/Itrim: BMI 30–49,9, Ausgangsgewicht erfasst; fehlender BMI/fehlende Bildungsangaben ausgeschlossen (<0,5 %). Wechsel zur Operation zensiert (SOS 289, Itrim 335); Rückoperationen in SOS zensiert (n=100)

4. Methoden und Endpunkte

Exposition / Intervention

Adipositaschirurgie (SOS: VBG, Magenband, Magenbypass; SOReg: primärer Magenbypass, 96 % laparoskopisch)

Vergleichsgruppe

SOS: übliche nicht-chirurgische Behandlung (nicht standardisiert). SOReg/Itrim: kommerzielles intensives Lebensstilprogramm (3 Monate LCD/VLCD plus 9 Monate Erhaltungsphase)

Endpunkte

Tod durch Suizid (einschließlich unbestimmter Absicht) sowie Suizid oder nicht tödliche Selbstverletzung (ICD9 E950-959, E980-989; ICD10 X60-84, Y10-34, Y870) aus dem Todesursachenregister und dem Nationalen Patientenregister

Statistische Methoden

Cox-Regression; SOS adjustiert für Alter, Geschlecht, Selbstverletzung in der Vorgeschichte, BMI; SOReg/Itrim nach Matching-Strata gewichtet und zusätzlich adjustiert für Alter, BMI, Einkommen, Familienstand, Erwerbsminderungsrente, Arbeitslosigkeit; Subgruppenanalysen (Verfahren, psychiatrische Vorgeschichte, Bildung); Proportional-Hazards-Annahme für Suizid in SOReg/Itrim verletzt (P=0,0497)

5. Tatsächliche Ergebnisse

Ergebnisse

SOS (68.528 Personenjahre): Suizid oder nicht tödliche Selbstverletzung 87 gegenüber 49 Ereignisse, aHR 1,78 (95-%-KI 1,23–2,57); Suizide 9 gegenüber 3, aHR 3,06 (0,79–11,88). Nach Verfahren gegenüber Kontrollgruppe: Magenbypass 3,48 (1,65–7,31), Magenband 2,43 (1,23–4,82), VBG 2,25 (1,37–3,71). Zusätzliche Adjustierung für Diabetes/Herz-Kreislauf-Erkrankung: 1,74 (1,20–2,52). SOReg/Itrim (149.582 Personenjahre): 341 gegenüber 84 Ereignisse, aHR 3,16 (2,46–4,06); Suizide 33 gegenüber 5, aHR 5,17 (1,86–14,37). Erhöhtes Risiko auch in Untergruppen ohne psychiatrische Erkrankung oder Selbstverletzung in der Vorgeschichte. Operierte mit Ereignissen hatten einen ähnlichen oder größeren Gewichtsverlust als jene ohne. Substanzmissbrauch bei Personen mit nicht tödlicher Selbstverletzung: SOS 48 % gegenüber 28 %; SOReg 51 % gegenüber 29 %. In SOS kein Unterschied zwischen den Gruppen in den ersten 5 Jahren.

Absolute Risiken

SOS: 9 gegenüber 3 Suizide und 87 gegenüber 49 Suizid-/Selbstverletzungsereignisse über insgesamt 68.528 Personenjahre; SOReg/Itrim: 33 gegenüber 5 Suizide und 341 gegenüber 84 Ereignisse über 149.582 Personenjahre. Autorinnen und Autoren: 42 Suizide in SOS und SOReg über etwa 117.000 Personenjahre nach der Operation; absolutes Risiko niedrig. Zitierte Daten aus Utah: Gesamtsterblichkeit 37,6 gegenüber 57,1 pro 10.000 Personenjahre (Operation gegenüber Kontrollgruppe) gegenüber Suizid 2,6 gegenüber 0,9.

Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren

Adipositaschirurgie war mit Suizid und nicht tödlicher Selbstverletzung verbunden; die absoluten Risiken sind niedrig; die Befunde zeigen den Bedarf an präoperativer Aufklärung und postoperativer psychiatrischer Überwachung. Die Autorinnen und Autoren halten fest, dass die Befunde angesichts des belegten Überlebensvorteils nicht von der Adipositaschirurgie abschrecken sollten, zumindest nicht unter dem Gesichtspunkt des Überlebens.

6. Stärken

  • Zwei unabhängige, einander ergänzende Kohorten (sehr lange Nachbeobachtung; moderner Magenbypass mit intensivem Lebensstilprogramm als Vergleich)
  • Matching/Adjustierung für psychiatrische Vorgeschichte, Selbstverletzung, Substanzmissbrauch und Psychopharmaka zu Studienbeginn
  • Nahezu vollständige Erfassung der Endpunkte über landesweite Register
  • Konsistente Befunde in Untergruppen ohne psychiatrische Vorgeschichte

7. Schwächen

  • Nicht randomisiert; Selektionsbias und Residual Confounding eingeräumt (Selbstverletzung in der Vorgeschichte häufiger in der SOS-Operationsgruppe: 3,4 % gegenüber 1,9 %)
  • Itrim-Teilnehmende bezahlten die Behandlung (sozioökonomische Selektion), teilweise durch Adjustierung berücksichtigt
  • Nicht tödliche Selbstverletzung nur erfasst, wenn eine Krankenhausbehandlung erfolgte; ambulante Daten erst ab 2001
  • Wenige Suizidereignisse (breite KIs; SOS-Suizid-HR nicht signifikant)
  • Proportional-Hazards-Annahme für Suizid in SOReg/Itrim verletzt
  • Kein Schlauchmagen; überwiegend weiße Bevölkerung
  • Die Zuordnung in SOS nach dem Primärverfahren kann das Risiko wegen Umwandlungsoperationen falsch zuordnen
  • Der Volltext ist das angenommene, unredigierte Manuskript

8. Risiko systematischer Verzerrungen

Orientierendes Instrument
ROBINS-E
Art der Einschätzung
strukturierte Einschätzung nach Volltext durch eine prüfende Instanz (keine formale Doppelbewertung)
Formale Vollbewertung
nein
Gesamturteil Biasrisiko
einige Bedenken
Begründung

Strukturierte Einschätzung durch eine einzelne Person anhand des Volltexts; eine formale Bewertung würde zwei unabhängige Begutachtende und ein Protokoll erfordern.

8. Risiko systematischer Verzerrungen
DomäneUrteilBegründung
Confoundingeinige BedenkenUmfangreiches Matching nach psychiatrischer Vorgeschichte und sozioökonomischen Faktoren, aber die Behandlungswahl ist selbst getroffen; Residual Confounding eingeräumt.
Messung der ExpositionniedrigOperation in Studie/Register dokumentiert.
Auswahl der Teilnehmendeneinige BedenkenGematchte Teilgruppen (77 % und 88 % der Geeigneten); zahlende Teilnehmende des Lebensstilprogramms unterscheiden sich sozioökonomisch.
Interventionen nach der ExpositionniedrigWechsel und Rückoperationen zensiert.
Fehlende DatenniedrigRegisterbasierte Nachbeobachtung nahezu vollständig; minimal fehlende Kovariaten.
Messung des Endpunktseinige BedenkenRegisterbasiert, für Suizid objektiv; nicht tödliche Selbstverletzung erfordert einen Krankenhauskontakt, und die Überwachungsintensität kann sich unterscheiden (Operierte haben mehr Kontakt zum Gesundheitssystem).
Auswahl des berichteten ErgebnissesniedrigEndpunkte und Subgruppenanalysen a priori beschrieben; konsistente Berichterstattung.

Volltextprüfung (25. Oktober 2026): Ergänzt: verfahrensspezifische HRs, Nachbeobachtungszeiträume, Personenjahre pro Kohorte, Subgruppenergebnisse, Befund zum Gewichtsverlust, absolute Einordnung (42 Suizide/117.000 PJ), ausdrückliche Aussage der Autorinnen und Autoren zum Überlebensvorteil, Finanzierung/Interessenkonflikte; Bias-Domänen ergänzt, Gesamtbewertung unverändert (some_concerns).

9. Bewertung der statistischen Interpretation

Die relativen Risiken sind erheblich und über zwei Kohorten und Untergruppen hinweg konsistent, aber das absolute Suizidrisiko ist niedrig (42 Suizide über etwa 117.000 Personenjahre nach der Operation). Die Studie untersucht nicht die Gesamtsterblichkeit; die Autorinnen und Autoren verweisen ausdrücklich auf den Überlebensvorteil der Operation.

10. Relevanz für die konkrete Aussage

Stützt C-BAR-07; schränkt die Verwendung als Argument gegen die Operation im Allgemeinen ein.

11. Unabhängige Gegenbefunde

12. Übertragbarkeit auf Deutschland und Europa

Direkt europäisch.

13. Methodisches Gesamturteil

Starke, konsistente Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Adipositaschirurgie (besonders Magenbypass) und Suizid/Selbstverletzung bei niedrigem absolutem Risiko; stützt den Teil von C-BAR-07 zur Selbstverletzung, aber nicht die Vorstellung, die Operation sei tödlich oder verkürze insgesamt das Leben.

Mehrdimensionale Bewertung
Mehrdimensionale Bewertung
Authentizität der Quelleverifiziert
Methodische Qualitätmoderat
Biasrisikoeinige Bedenken
Präzision der Ergebnissemoderat
Direkte Relevanzdirekt
Reproduzierbarkeitrepliziert
Konsistenz mit der Gesamtevidenzkonsistent
Regionale Übertragbarkeithoch
Angemessenheit der Interpretation (durch das Archiv)nicht anwendbar

14. Offene Fragen

Risiko nach Schlauchmagen; Mechanismen (Alkohol-/Substanzmissbrauch, Pharmakokinetik); wirksame gezielte Überwachung.

15. Verknüpfte Faktenchecks

Verwendung durch das Tayebat-Archiv

Hinweis: Laut Archiv wurden die Studien von den Archivbetreibern zusammengestellt. Ob Dr. Elawady selbst diese Studie angeführt hat, ist nicht belegt.

Aussage des Archivs zur Studie

Nur im Literaturverzeichnis des Archivs aufgeführt; das Archiv gibt keine spezifische Interpretation.

A. Was wurde tatsächlich untersucht?

Risiko für Suizid/Selbstverletzung

B. Was haben die Autorinnen und Autoren festgestellt?

aHR 1,78 und 3,16

C. Welche Schlussfolgerungen ziehen sie selbst?

Zusammenhang mit Suizid/Selbstverletzung; absolute Risiken niedrig; Bedarf an Aufklärung und Überwachung; sollte unter dem Gesichtspunkt des Überlebens nicht von der Operation abschrecken

D. Welche Aussage leitet das Archiv daraus ab?

Stützt die Darstellung.

E. Ist diese Ableitung wissenschaftlich gerechtfertigt?

Stützt ein erhöhtes Risiko; die ausdrückliche Aussage der Autoren, dass dies kein generelles Abraten rechtfertigt, gibt das Archiv nicht wieder.

Angemessenheit der Interpretation (durch das Archiv)
nicht anwendbar