Kohortenstudieunabhängige GegenprüfungVolltext geprüft I-CAN-04 Tiefenprüfung

Etwa ein Drittel des Krebsrisikos ist vererbt

Familial Risk and Heritability of Cancer Among Twins in Nordic Countries.

Kurzüberblick

Mucci LA et al.. JAMA 2016 · PMID 26746459 · DOI 10.1001/jama.2015.17703

Die Erblichkeit von Krebs insgesamt betrug bei 200.000 nordischen Zwillingen 33 %.

Unterstützt die Studie die konkrete Behauptung? Nein · Methodische Qualität: hoch

Originalpublikation

Verständliche Zusammenfassung

Studie einfach erklärt
Was wollten die Forschenden herausfinden?

Erblichkeit schätzen.

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Zwillingskohorte.

Wie viele Menschen, Tiere oder Proben wurden untersucht?

203.691.

Was wurde tatsächlich festgestellt?

33 % Erblichkeit.

Wie groß war der beobachtete Effekt?

Melanom 58 %, Prostata 57 %.

Was bedeuten die Ergebnisse im Alltag?

Die Familiengeschichte ist für die Früherkennung wichtig.

Welche Einschränkungen hat die Studie?

Nordische, überwiegend weiße Bevölkerung; Zwillingsmodelle setzen gleich stark geteilte Umwelt voraus, was sich nicht überprüfen lässt.

Was sagt sie über Elawadys konkrete Behauptung aus?

Nicht jeder Krebs ist lebensstilbedingt.

Gelten die Ergebnisse auch für Deutschland und Europa?

Hoch.

Was lässt sich aus dieser Studie ausdrücklich nicht schließen?

Dass die übrigen zwei Drittel des Risikos auf Lebensmittel zurückgehen; Erblichkeit ist nicht der Anteil der Krebserkrankungen, der durch Lebensstil vermeidbar ist (Autorinnen und Autoren); bestimmte Gene.

Wissenschaftliche Detailprüfung

1. Vollständige Quellenangabe

Autorinnen und Autoren
Mucci LA et al.
Fachzeitschrift
JAMA
Jahr
2016
Identifikator
PMID 26746459 DOI 10.1001/jama.2015.17703
Verifizierung
verifiziert – PubMed esummary + efetch 2026-10-25
Zurückgezogen
nein
Korrekturen

ErratumIn: JAMA 2016;315(8):822

Geprüfter Umfang
Volltext
Interessenkonflikte und Finanzierung

Finanzierung: Ellison Foundation, Nordic Cancer Union, Academy of Finland, BioSHaRE-EU (FP7), schwedisches Ministerium für Hochschulbildung, Odense University Hospital, Karolinska Institutet, NCI-Ausbildungsförderungen; die Geldgeber hatten keine Rolle bei Design/Analyse, haben das Manuskript aber „reviewed and approved“ (geprüft und genehmigt). Interessenkonflikte: ein Autor (Kaprio) erhielt persönliche Honorare von Pfizer (Beratung zur Nikotinabhängigkeit 2012–2014); keine weiteren Offenlegungen.

2. Forschungsfrage

Familiäres Risiko und Erblichkeit von Krebs.

3. Studiendesign und Population

Studiendesign
Kohortenstudie – Prospektive bevölkerungsbezogene Zwillingskohorte (Nordic Twin Study of Cancer, NorTwinCan) mit Registerverknüpfung; biometrische (ACE-)Zwillingsmodellierung
Population

Gleichgeschlechtliche monozygote und dizygote Zwillinge aus den nationalen Zwillingsregistern Dänemarks, Finnlands, Norwegens und Schwedens (Geburtskohorten 1870–2004)

Land

Dänemark, Finnland, Norwegen, Schweden

Zeitraum

Nachbeobachtung ab 1943 (Dänemark), 1961 (Schweden), 1964 (Norwegen), 1974 (Finnland) bis Ende 2008–2010; mediane Nachbeobachtung 32 Jahre

Stichprobengröße

203.691 Zwillinge (80.309 monozygot, 123.382 gleichgeschlechtlich dizygot; 104.251 Frauen); 27.156 neu aufgetretene Krebserkrankungen bei 23.980 Personen; 50.990 verstorben, 3804 ausgewandert

Ein- und Ausschlusskriterien

Gleichgeschlechtliche Zwillingspaare mit bekannter Zygotie aus bevölkerungsbezogenen Zwillingsregistern; 5376 Zwillinge mit fehlender oder widersprüchlicher Zygotie ausgeschlossen; Registerabdeckung 30 % (Geburtskohorte 1870–1930), 70 % (1931–1952), ~100 % später (in frühen Kohorten mussten die Zwillinge bis zum Alter von 6 Jahren überlebt haben)

4. Methoden und Endpunkte

Exposition / Intervention

Genetische Verwandtschaft (monozygot vs. dizygot) und Krebsstatus des Zwillingspartners als Näherungswert für gemeinsame Gene und gemeinsame Umwelt

Vergleichsgruppe

Kumulative Krebsinzidenz in der gesamten Zwillingskohorte; dizygote vs. monozygote Paare

Endpunkte

Neu auftretender Krebs (nationale Krebsregister, ICD-10 gruppiert nach NORDCAN); familiäres Risiko; Erblichkeit auf der Liability-Skala

Statistische Methoden

Kumulative Inzidenz nach Aalen-Johansen unter Berücksichtigung von Linkstrunkierung, Zensierung und konkurrierendem Sterberisiko; mit inverser Zensierungswahrscheinlichkeit gewichtete Liability-Schwellen-ACE-Modelle (R mets 1.1.1); familiäres Risiko für 23 Krebsarten mit >1 konkordantem Paar, Erblichkeit für Arten mit >=5 konkordanten Paaren

5. Tatsächliche Ergebnisse

Ergebnisse

Kumulative Krebsinzidenz bis zum Alter von 100 Jahren: 32 %. Familiäres Risiko für irgendeinen Krebs, wenn der Zwillingspartner Krebs hatte: 46 % (95-%-KI 44–48 %) bei MZ- und 37 % (36–38 %) bei DZ-Zwillingen, d. h. absoluter Überschuss 14 % (12–16 %) und 5 % (4–6 %). Erblichkeit von Krebs insgesamt 33 % (30–37 %) ohne Anteil gemeinsamer Umwelt; Melanom 58 % (43–73 %), Prostata 57 % (51–63 %), heller Hautkrebs 43 % (26–59 %), Eierstock 39 % (23–55 %), Niere 38 % (21–55 %), Brust 31 % (11–51 %; gemeinsame Umwelt 16 %), Gebärmutterkörper 27 % (11–43 %). Geringere Erblichkeit für Kolon 15 % (0–45 %), Rektum 14 % (0–50 %), Magen 22 % (0–55 %); Lunge gemeinsame Umwelt 24 % (7–40 %). Unter konkordanten Paaren hatten >2/3 unterschiedliche Krebsarten; mediane Altersdifferenz bei Diagnose 8,0 (MZ) und 9,3 (DZ) Jahre.

Absolute Risiken

Kumulative Inzidenz 8 % bis zum Alter von 65, 25 % bis 80, 32 % bis 100 Jahren; familiäres Risiko 46 % (MZ) und 37 % (DZ), wenn der Zwillingspartner Krebs hatte; z. B. kumulatives Prostatakrebsrisiko 10,5 % vs. familiäres Risiko 38,0 % (MZ) / 22,0 % (DZ); Brust 9,4 % vs. 28,1 % / 19,9 %

Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren

Signifikant erhöhtes familiäres Risiko für Krebs insgesamt sowie für Prostata-, Melanom-, Brust-, Eierstock- und Gebärmutterkrebs; nützlich für Patientenaufklärung und Risikoberatung. Die Autorinnen und Autoren betonen, dass eine hohe Erblichkeit nicht bedeutet, dass das populationsattributable Risiko von Lebensstil- und Umweltfaktoren gering ist, und wirksame Prävention nicht ausschließt.

6. Stärken

  • Größte Zwillingsstudie zu Krebs; >3 Jahrzehnte Nachbeobachtung
  • Nahezu vollständige Erfassung und Verknüpfung über nationale Krebsregister
  • Methoden berücksichtigen Zensierung, Linkstrunkierung und konkurrierendes Sterberisiko
  • Kumulative Inzidenz ähnlich den nationalen Raten (Repräsentativität)
  • Zygotie-Fragebogen mit >95 % Übereinstimmung mit genetischen Markern

7. Schwächen

  • Die Annahme gleicher Umwelt in Zwillingsmodellen ist nicht überprüfbar (Autorinnen und Autoren)
  • Unvollständige Registerabdeckung und Voraussetzung des Überlebens bis zum Alter von 6 Jahren in frühen Geburtskohorten (Selektion)
  • Überwiegend weiße nordische Bevölkerung; Übertragbarkeit auf multiethnische Bevölkerungen unklar (Autorinnen und Autoren)
  • Breite KI für viele Krebsarten; seltene Krebsarten (z. B. viele hämatologische) nicht schätzbar
  • Erblichkeit ist bevölkerungs- und epochenspezifisch und umfasst genetische Einflüsse auf Risikoverhalten (z. B. Rauchen, Adipositas)
  • Die Geldgeber haben das Manuskript geprüft und genehmigt

8. Risiko systematischer Verzerrungen

Orientierendes Instrument
ROBINS-E (adapted to a twin heritability cohort)
Art der Einschätzung
strukturierte Einschätzung nach Volltext durch eine prüfende Instanz (keine formale Doppelbewertung)
Formale Vollbewertung
nein
Gesamturteil Biasrisiko
einige Bedenken
Begründung

Gesamturteil von „low“ (niedrig; auf Basis des Abstracts) auf „some_concerns“ (einige Bedenken) herabgestuft wegen der nicht überprüfbaren Annahme gleicher Umwelt und der Selektion in frühen Kohorten; die Erfassung der Endpunkte ist ausgezeichnet. Strukturierte Einschätzung durch eine einzelne Person anhand des Volltexts; eine vollständige formale Bewertung erfordert zwei unabhängige Begutachtende und das Review-/Studienprotokoll.

8. Risiko systematischer Verzerrungen
DomäneUrteilBegründung
Confoundingeinige BedenkenErblichkeitsschätzungen beruhen auf der nicht überprüfbaren Annahme, dass MZ- und DZ-Paare ihre Umwelt in gleichem Maße teilen; Verletzungen dieser Annahme erhöhen die geschätzte Erblichkeit.
Messung der Exposition (Zygotie)niedrigZygotie per validiertem Fragebogen (>95 % Übereinstimmung mit genetischen Markern); 5376 mit fehlender/widersprüchlicher Zygotie ausgeschlossen.
Auswahl der Teilnehmendeneinige BedenkenFrühe Kohorten hatten 30–70 % Abdeckung und setzten ein Überleben bis zum Alter von 6 Jahren voraus; abgemildert durch eine kumulative Inzidenz, die mit den nationalen Raten vergleichbar ist.
Interventionen nach der Expositionnicht anwendbarDie Exposition ist die genetische Verwandtschaft.
Fehlende DatenniedrigNachbeobachtung über Register im Wesentlichen vollständig; 3804 Ausgewanderte zensiert; Gewichtung mit inverser Zensierungswahrscheinlichkeit.
Messung des EndpunktsniedrigVerpflichtende nationale Krebsregistrierung, nahezu 100 % vollständig, verifizierte Diagnosen.
Auswahl des berichteten ErgebnissesniedrigVorab festgelegte Schwellen für die Berichterstattung (>1 / >=5 konkordante Paare); alle Krebsarten tabelliert.

Volltextprüfung (25. Oktober 2026): Ergänzt: genaue Zusammensetzung der Kohorte, Nachbeobachtung nach Land, Ausschlüsse, Grenzen der Registerabdeckung, familiäre Risiken mit KI, lokalisationsspezifische Erblichkeit inkl. geringer Erblichkeit bei Krebs des Verdauungstrakts, absolute kumulative Risiken, Finanzierung/Interessenkonflikte (Pfizer-Honorare für einen Autor; Geldgeber genehmigten das Manuskript) und ausdrücklicher Vorbehalt der Autorinnen und Autoren, dass Erblichkeit nicht das populationsattributable Risiko ist. ROBINS-E insgesamt geändert von niedrig -> einige Bedenken (Annahme gleicher Umwelt, Selektion in frühen Kohorten).

9. Bewertung der statistischen Interpretation

Etwa ein Drittel der Variation in der Anfälligkeit für Krebs in dieser Bevölkerung wird genetischen Unterschieden zugeschrieben; der Rest ist überwiegend nicht geteilte (individuelle) Umwelt einschließlich Zufall/stochastischer Prozesse. Erblichkeit ist nicht der Anteil der Fälle, die durch Gene verursacht werden, und nicht der Anteil, der durch Lebensstil vermeidbar ist (die Autorinnen und Autoren warnen ausdrücklich vor dieser Fehldeutung). Die absoluten familiären Zusatzrisiken sind für Krebs insgesamt moderat (5–14 Prozentpunkte).

10. Relevanz für die konkrete Aussage

Genetik ist eine erhebliche, nicht ernährungsbedingte Ursache.

11. Unabhängige Gegenbefunde

12. Übertragbarkeit auf Deutschland und Europa

Hoch für nordische/nordeuropäische Bevölkerungen; unklar für multiethnische Bevölkerungen (Autorinnen und Autoren).

13. Methodisches Gesamturteil

Robuste registerbasierte Zwillingsstudie, die einen erheblichen erblichen Anteil am Krebsrisiko neben einem dominierenden Anteil nicht geteilter Umwelt/Zufall zeigt; sie begrenzt monokausale Behauptungen in beide Richtungen.

Mehrdimensionale Bewertung
Mehrdimensionale Bewertung
Authentizität der Quelleverifiziert
Methodische Qualitäthoch
Biasrisikoeinige Bedenken
Präzision der Ergebnissehoch
Direkte Relevanzdirekt
Reproduzierbarkeitrepliziert
Konsistenz mit der Gesamtevidenzkonsistent
Regionale Übertragbarkeitmoderat
Angemessenheit der Interpretation (durch das Archiv)nicht anwendbar

14. Offene Fragen

Welche Genorte die Erblichkeit erklären; Übertragbarkeit auf Bevölkerungen außerhalb der nordischen Länder; Erblichkeit seltener Krebsarten.

15. Verknüpfte Faktenchecks