Kohortenstudieunabhängige GegenprüfungVolltext geprüft★ wichtige Studie I-UPF-04 Tiefenprüfung

Emulgatoren und Herzerkrankungen in Frankreich

Food additive emulsifiers and risk of cardiovascular disease in the NutriNet-Santé cohort: prospective cohort study.

Kurzüberblick

Sellem L et al.. BMJ 2023 · PMID 37673430 · DOI 10.1136/bmj-2023-076058

Eine höhere Aufnahme einiger Emulgatoren, darunter CMC, war mit etwas mehr Herzerkrankungen verbunden.

Unterstützt die Studie die konkrete Behauptung? Teilweise · Methodische Qualität: moderat

Originalpublikation

Verständliche Zusammenfassung

Studie einfach erklärt
Was wollten die Forschenden herausfinden?

Ist die Emulgatoraufnahme mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden?

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Prospektive Kohorte mit Schätzung der Exposition gegenüber Zusatzstoffen.

Wie viele Menschen, Tiere oder Proben wurden untersucht?

95.442; 1.995 Herz-Kreislauf-Ereignisse; Erwachsene ohne Herz-Kreislauf-Erkrankung, 79 % Frauen

Was wurde tatsächlich festgestellt?

Cellulosen (E460–E468) Herz-Kreislauf-Erkrankungen HR 1,05 (1,02–1,09), KHK 1,07; CMC (E466) Herz-Kreislauf-Erkrankungen 1,03 (1,01–1,05), KHK 1,04; E471/E472 mit allen Endpunkten verbunden; E472b zerebrovaskulär 1,11; Trinatriumphosphat KHK 1,06.

Wie groß war der beobachtete Effekt?

HR 1,03–1,11 pro SD

Was bedeuten die Ergebnisse im Alltag?

Kleiner möglicher Effekt.

Welche Einschränkungen hat die Studie?

Eine französische Kohorte aus überwiegend weiblichen Freiwilligen; die Zusammenhänge sind sehr klein, und einige verschwinden nach Korrektur für multiples Testen; die meisten untersuchten Emulgatoren zeigten keinen Zusammenhang; die Aufnahme der Zusatzstoffe wurde geschätzt, nicht in Blut oder Urin gemessen.

Was sagt sie über Elawadys konkrete Behauptung aus?

Stützt C-UPF-06 schwach.

Gelten die Ergebnisse auch für Deutschland und Europa?

Hoch.

Was lässt sich aus dieser Studie ausdrücklich nicht schließen?

Sie kann nicht zeigen, dass Emulgatoren Herzkrankheiten verursachen oder beim Menschen die Schleimschicht des Darms angreifen; sie liefert keine absoluten Risiken.

Wissenschaftliche Detailprüfung

1. Vollständige Quellenangabe

Autorinnen und Autoren
Sellem L et al.
Fachzeitschrift
BMJ
Jahr
2023
Identifikator
PMID 37673430 DOI 10.1136/bmj-2023-076058
Verifizierung
verifiziert – PubMed efetch 2026-10-25
Zurückgezogen
nein
Korrekturen
keine
Geprüfter Umfang
Volltext
Interessenkonflikte und Finanzierung

Öffentliche und gemeinnützige Finanzierung (französisches Gesundheitsministerium, Santé Publique France, INSERM, INRAE, CNAM, University Sorbonne Paris Nord, ERC Horizon 2020, INCa, IdEx Université de Paris, Bettencourt-Schueller Foundation). ICMJE: keine Unterstützung durch gewinnorientierte Organisationen, keine relevanten finanziellen Beziehungen. B. Chassaing (Autor von A-UPF-15) ist Mitautor.

2. Forschungsfrage

Ist die Emulgatoraufnahme mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden?

3. Studiendesign und Population

Studiendesign
Kohortenstudie – Prospektive webbasierte Freiwilligenkohorte (NutriNet-Santé) mit Schätzung der Zusatzstoffexposition auf Markenebene aus wiederholten 24-Stunden-Ernährungsprotokollen, abgeglichen mit den Datenbanken OQALI, Open Food Facts und Mintel sowie Laboranalysen.
Population

Französische Erwachsene ohne bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung; mittleres Alter 43,1 (SD 14,5); 79,0 % Frauen; gebildeter und gesundheitsbewusster als die Allgemeinbevölkerung

Land

Frankreich

Zeitraum

2009 bis 5. Oktober 2021; mediane Nachbeobachtung 7,4 Jahre (maximal 12,4)

Stichprobengröße

95.442; 1.995 neu aufgetretene Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 1.044 Ereignisse koronarer Herzkrankheit, 974 Ereignisse zerebrovaskulärer Erkrankung

Ein- und Ausschlusskriterien

>=3 gültige 24-Stunden-Protokolle in den ersten 2 Jahren, keine bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung; Personen mit Unterberichterstattung der Energie (~17 % der Kohorte) ausgeschlossen; einzelne Emulgatoren nur analysiert, wenn sie von >=5 % der Teilnehmenden aufgenommen wurden.

4. Methoden und Endpunkte

Exposition / Intervention

Aufnahme (mg/Tag) von Emulgatoren als Lebensmittelzusatzstoffe insgesamt und einzeln, pro Anstieg um 1 SD (z. B. SD 32,0 mg/Tag für E466, 3.170,8 mg/Tag für Emulgatoren insgesamt)

Vergleichsgruppe

Geringere Aufnahme

Endpunkte

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, KHK, zerebrovaskuläre Erkrankungen

Statistische Methoden

Ursachenspezifische Cox-Modelle (Alter als Zeitskala), adjustiert für Geschlecht, BMI, körperliche Aktivität, Rauchen und Packungsjahre, Bildung, Anzahl der Protokolle, Familienanamnese für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Energie, Alkohol, gesättigte Fettsäuren, Natrium, Ballaststoffe, Zucker, Obst/Gemüse, rotes/verarbeitetes Fleisch, Vollkorn und Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel; multiple Imputation; Korrektur der False Discovery Rate; Sensitivitätsmodelle (Ernährungsmuster, Stoffwechselstörungen, Gewichtsänderung, 2-jährige Verzögerung, Exposition über die gesamte Nachbeobachtung, andere Emulgatoren und Süßstoffe).

5. Tatsächliche Ergebnisse

Ergebnisse

Pro 1 SD: Cellulosen insgesamt (E460–E468) Herz-Kreislauf-Erkrankungen HR 1,05 (1,02–1,09), KHK 1,07 (1,02–1,12); E460 Herz-Kreislauf-Erkrankungen 1,05 (1,01–1,09), KHK 1,07 (1,02–1,12); Carboxymethylcellulose E466 Herz-Kreislauf-Erkrankungen 1,03 (1,01–1,05), KHK 1,04 (1,02–1,06); Mono- und Diglyceride insgesamt (E471/E472) Herz-Kreislauf-Erkrankungen 1,07 (1,04–1,11), KHK 1,08 (1,03–1,14), zerebrovaskulär 1,07 (1,01–1,13); E472b Herz-Kreislauf-Erkrankungen 1,06 (1,02–1,10), zerebrovaskulär 1,11 (1,06–1,16); E472c Herz-Kreislauf-Erkrankungen 1,04 (1,02–1,07), KHK 1,06 (1,03–1,09); Trinatriumphosphat E339 KHK 1,06 (1,00–1,12). Nach FDR-Korrektur waren E460 (adjustiertes P=0,06), E471/E472 für zerebrovaskuläre Erkrankungen (P=0,1) und E339 (P=0,3) nicht mehr signifikant. Keine Zusammenhänge für andere Emulgatoren, einschließlich Carrageenen und Lecithinen. Ergebnisse konsistent in Sensitivitätsanalysen und für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ohne TIA und Angina pectoris).

Absolute Risiken

im Volltext nicht berichtet

Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren

Es wurden positive Zusammenhänge zwischen dem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Aufnahme von Cellulosen insgesamt, E460, E466, Mono- und Diglyceriden von Speisefettsäuren insgesamt, E472b und E472c gefunden; diese Befunde müssen in anderen Populationen repliziert und durch experimentelle Studien ergänzt werden; sie liefern neue Erkenntnisse für die Debatte über die Regulierung der Verwendung von Emulgatoren.

6. Stärken

  • Wiederholte, quantitative Schätzung der Aufnahme einzelner Zusatzstoffe auf Markenebene
  • Adjustierung für Ernährungsqualität und UPF-Anteil, was Confounding durch die gesamte Aufnahme verarbeiteter Lebensmittel verringert
  • FDR-Korrektur und umfangreiche Sensitivitätsanalysen
  • Öffentliche Finanzierung; keine Interessenkonflikte mit gewinnorientierten Organisationen

7. Schwächen

  • Einzelne Freiwilligenkohorte (79 % Frauen, gesundheitsbewusst); begrenzte Verallgemeinerbarkeit (Autorinnen und Autoren)
  • Sehr kleine HRs pro SD (1,03–1,11); absolute Risiken nicht berichtet
  • Viele Emulgatoren und Endpunkte getestet; mehrere Zusammenhänge verloren nach FDR-Korrektur die Signifikanz
  • Zusatzstoffexposition nicht durch Biomarker validiert; Unterschätzung bei nicht gekennzeichneten Lebensmitteln (Autorinnen und Autoren)
  • Ausschluss von ~17 % mit Unterberichterstattung der Energie
  • Residual Confounding (verbleibende Störfaktoren) kann nicht ausgeschlossen werden (Autorinnen und Autoren)
  • Selbst berichtete Ernährung

8. Risiko systematischer Verzerrungen

Orientierendes Instrument
ROBINS-E
Art der Einschätzung
strukturierte Einschätzung nach Volltext durch eine prüfende Instanz (keine formale Doppelbewertung)
Formale Vollbewertung
nein
Gesamturteil Biasrisiko
einige Bedenken
Begründung

Strukturierte Einschätzung durch eine einzelne begutachtende Person anhand des Volltexts; eine vollständige formale ROBINS-E-Bewertung erfordert zwei unabhängige Begutachtende und ein Protokoll.

8. Risiko systematischer Verzerrungen
DomäneUrteilBegründung
Confoundingeinige BedenkenUmfassende Adjustierung einschließlich UPF-Anteil und Nährstoffen; die Emulgatoraufnahme folgt dennoch bestimmten Lebensmittelgruppen (Kuchen, Milchdesserts, Suppen).
Messung der Expositioneinige BedenkenDetaillierte Zuordnung auf Markenebene, aber keine Validierung durch Biomarker; einige Produkte ohne Kennzeichnung; Exposition aus der Ausgangsphase.
Auswahl der Teilnehmendeneinige BedenkenFreiwilligenkohorte; Ausschluss von Personen mit Unterberichterstattung.
Interventionen nach der ExpositionniedrigEine Sensitivitätsanalyse mit der Exposition über die gesamte Nachbeobachtung ergab konsistente Ergebnisse.
Fehlende DatenniedrigMultiple Imputation der Kovariaten.
Messung des EndpunktsniedrigÄrztlich validierte Ereignisse, Verknüpfung mit Krankenversicherungs- und Sterberegisterdaten; ähnliche Ergebnisse für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Auswahl des berichteten Ergebnisseseinige BedenkenViele Expositionen getestet; FDR-Korrektur angewandt und Nullergebnisse im Supplement angegeben.

Volltextprüfung (25. Oktober 2026): Haupt-HRs bestätigt. Ergänzt: Nachbeobachtung bis Oktober 2021, Ausschlusskriterien (~17 % mit Unterberichterstattung), SDs der Exposition, Adjustierung für UPF-Anteil und Nährstoffe (frühere Bedenken zu Confounding durch UPF teilweise ausgeräumt), FDR-Ergebnisse (E460, E339 und E471/E472–zerebrovaskulär nicht mehr signifikant), Nullergebnisse für Carrageene und Lecithine, Sensitivitätsanalyse für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Finanzierung/Interessenkonflikte. ROBINS-E auf Domänenebene (gesamt some_concerns, unverändert).

9. Bewertung der statistischen Interpretation

HRs pro SD von 1,03–1,11 sind klein (z. B. +3 % Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen pro 32 mg/Tag E466); mehrere Zusammenhänge halten einer Korrektur für multiples Testen nicht stand. Eher hypothesengenerierend als bestätigend.

10. Relevanz für die konkrete Aussage

Stützt C-UPF-06 schwach.

11. Unabhängige Gegenbefunde

Keine.

12. Übertragbarkeit auf Deutschland und Europa

Hoch.

13. Methodisches Gesamturteil

Signal kleiner Zusammenhänge zwischen einigen bestimmten Emulgatoren (Cellulosen, Mono- und Diglyceride) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, unabhängig von der gesamten UPF-Aufnahme, in einer französischen Freiwilligenkohorte; die meisten Emulgatoren, einschließlich Carrageenen und Lecithinen, zeigten keinen Zusammenhang. Replikation nötig.

Mehrdimensionale Bewertung
Mehrdimensionale Bewertung
Authentizität der Quelleverifiziert
Methodische Qualitätmoderat
Biasrisikoeinige Bedenken
Präzision der Ergebnissehoch
Direkte Relevanzdirekt
Reproduzierbarkeitnicht repliziert
Konsistenz mit der Gesamtevidenzunbekannt
Regionale Übertragbarkeithoch
Angemessenheit der Interpretation (durch das Archiv)nicht anwendbar

14. Offene Fragen

Replikation in anderen Kohorten; experimentelle Daten am Menschen; Relevanz der Dosis; Mechanismus (Mikrobiota, Entzündung).

15. Verknüpfte Faktenchecks